Zeit und Muße

Dieses Wochenende war Memorial-Day-Wochenende, d.h. Der Montag war ein Feiertag. Bei Square haben wir noch einen drauf gelegt und allen Mitarbeitern empfohlen 4 Tage am Stück frei zu machen—als Burnout-Profilaxe. Zuerst habe ich die Aktion noch für etwas übertrieben gehalten, aber je näher das Wochenende rückte, desto klarer wurde mir, dass auch ich längst ein paar freie Tage nötig hatte. Auch wenn die Heimarbeit ganz gut läuft und es uns ansonsten an (fast) nichts fehlt, es braucht einfach Muße und Zeit, um alles zu verarbeiten—das Coronavirus, die Reisebeschränkungen, den Umstand, dass Trump nach wie vor seine Kernwähler hinter sich hat. Und dann kamen noch ein Todesfall im Freundeskreis und ein Herzinfarkt im engeren Familienkreis dazu. Da kommt man mit dem Verarbeiten einfach nicht mehr hinterher. Es ist alles ganz schön krass.

Ich selber habe mich in den letzten Wochen beinahe manisch in die Arbeit gestürzt—nicht einmal so sehr bei Square, sondern an unserem Sprinter. Als wir vor gut 2 Monaten aus Deutschland zurück kamen, hatten wir keinen Esstisch, keinen Kühlschrank und keinen Strom im Van. Die Wände bestanden aus nackten Holzplatten. Seitdem hat sich viel getan: Wir haben unsere ersten Möbelstücke gebaut—den Tisch und einen Schrank—und den Kühlschrank sowie die Truma-Heizung eingebaut. Die Wand entlang der Fahrerseite ist komplett mit Teppich verkleidet. Letzte Woche habe ich unsere neuen Lithium-Batterien installiert und dieses Wochenende habe ich die Solarpanels, den Sicherungskasten und die ersten Verbraucher angeschlossen. Dabei gab es natürlich Höhen und Tiefen, doch ich trieb mich immer weiter voran. Als ich dann das erste Mal den Hauptschalter umgelegte, die Solarzellen dazu schaltete und dann den Kühlschrank, Fan und die USB-Ladebuchsen in Betrieb nahm, war ich nicht nur stolz, sondern auch erschöpft.

Sicher, es war ein unglaubliches Gefühl, zu sehen, wie alles auf Anhieb funktionierte. Monatelang hatte ich die Elektrik geplant und immer wieder überarbeitet. Mit Strom hatte ich es nie so, vor keinem Gewerk (außer dem Gasanschluss) hatte ich einen solchen Respekt wie vor der Elektrik. Zur Feier des Tages tranken wir ein im Sprinter gekühltes Bier, genossen den Luftzug des Fans und rechneten aus, wie lange die Batterien ohne Solar und Lichtmaschine halten würden (ca. 2 Tage, da der Kühlschrank super effizient ist). Und ich war müde. Es fiel alles von mir ab, der ganze Stress der Planung und der Verkabelung. Wieder ein Meilenstein geschafft, aber noch lange nicht fertig. So konnte es nicht weiter gehen. Pace yourself, you’re in it for the long haul!

C war schon lange aufgefallen, dass ich fast obsessiv meine Arbeiten am Sprinter verfolgte und schlug vor, am Montag einen Ausflug zu machen. Also packten wir den Kühlschrank voll, schmierten Brote und fuhren gen Highway 1 mit unserem frisch elektrifizierten Sprinter. Ziel: irgendwo am Ozean Pause machen, aufs Meer schauen und die Seele baumeln lassen. Nur 30 Minuten brauchten wir bis Pacifica, wo wir früher von San Bruno aus öfter surfen waren. Das Virus bringt nicht nur das öffentliche Leben, sondern auch den Verkehr zum erlahmen. Das ist immerhin mal ein Vorteil. Und dann schlängelten wir uns den Highway 1, eine der Traumstraßen dieser Welt hinunter. Allerdings wurde uns schnell klar, dass (a) wir nicht die Einzigen mit dieser Idee waren und (b) fast alle Parkplätze abgesperrt waren. Die Polizei war vorbereitet und wollte vermeiden, dass sich bei 28ºC die Strände füllen würden. Wie auch alle Anderen fanden wir natürlich auch ein Plätzchen, tranken Eistee und Eiskaffee am Strand und hielten die Füße ins kalte Wasser. Nach 2 Monaten im eigenen Heim gab uns der Blick auf den Ozean das Gefühl von Weite, das uns gefehlt hatte.

Irgendwann atmete ich tief durch und spürte die Entspannung. Und nicht nur das, es wurde mir auch bewusst, wie sehr die Schönheit und Lebensqualität Kaliforniens vom Draußensein abhingen. Wenn man nicht vor die Tür kann, ist es auch (beinahe) egal, wo man wohnt. In Kalifornien leben heißt eben auch das traumhafte Wetter genießen, ans Meer fahren, in den Bergen wandern und in der Wildnis zelten. Das alles hat uns schon sehr gefehlt in den letzten Wochen. Gut, dass wir heute einen kleinen Ausbruch aus dem Covid-19-Alltag geprobt haben. Sobald die ersten State-Parks und Campingplätze aufmachen, werden wir nochmal ein paar Tage frei nehmen und in die Natur fahren. Der Sprinter ist schon mal soweit.

Strom!

2 Monate Lockdown, nun machen sich auch in Kalifornien erste Lockerungen breit. Von der Rückkehr zum normalen Leben wie in Deutschland kann allerdings keine Rede sein. Sicher, die ersten Geschäfte haben wieder geöffnet, vor den Supermärkten ist allerdings noch Schlangestehen angesagt. Und allgemeine Maskenpflicht gilt natürlich weiterhin. Wir hoffen darauf, dass wir wenigstens bald wieder campen gehen können—wenn nicht in den Nationalparks, dann irgendwo wild, in einem National-Forest.

Um dann bereit zu sein, arbeiten wir fleißig an unserem Sprinter. Und in den letzten Wochen haben wir viel geschafft. Die Kühlschrankbox, an der wir einige Zeit gebastelt haben, ist jetzt eingebaut. Unten drin steht die Truma-Heizung (nochmal danke und herzlichen Gruß an Martina und Bernie nach Frankfurt), darüber steht der Kühlschrank. Es passt alles Millimeter genau—und sieht top aus. Diese Box ist nicht nur das erste Möbelstück, das wir selber angefertigt haben, sie ist einfach ein richtiger Meilenstein. Wir haben so viel Equipment im Haus stehen, dass wir froh sind, wenn wir Teile fest verbauen können. Die Box selber war relativ schnell fertig, aber das Laminieren und Kantenabschneiden mit der Oberfräse hat ewig gedauert. Die Lernkurve war wieder steil, aber mittlerweile komme ich mit der Fräse gut recht. Nach dem ersten Mal geht alles einfacher.

Aber das wäre noch nicht alles. Letzte Woche habe ich unsere Bordbatterien bestellt: 2x 100Ah Battleborn LiFePO4, made in Reno, Nevada. Wir haben uns im Internet schlau gemacht und dann diese Batterien bestellt, da sie gut verarbeitet sind und sogar etwas mehr Kapazität haben als angegeben. Parallel verkabelt sollten es dann ca. 2,5 KWh bei 12V sein. Im Gegensatz zu konventionellen Bleisäurebatterien können die Battleborn-Batterien vollständig entladen werden, ohne Schaden zu nehmen. Das bedeutet gleiche Kapazität bei halben Gewicht (und halber Anzahl der Batterien).

Nachdem ich schon vor Monaten meinen Elektroplan gezeichnet und dann immer wieder verbessert hatte, war ich natürlich ganz scharf darauf, endlich die Batterien anzuschließen. Diesen Samstag war es dann soweit. Kabel und Sicherungen waren bestellt, also konnte es los gehen. Nach einigen Stunden hatte ich dann tatsächlich “Saft” auf unserem System und der Solarcontroller erwachte auch zum Leben. Natürlich gibt es noch einige Sachen nachzuarbeiten und zu verbessern, aber wir haben endlich Strom im Sprinter!

Wenn man mit Lithium-Batterien arbeitet, steht Sicherheit natürlich an erster Stelle. Ich habe die Kabel grundsätzlich eher überdimensioniert und selbstverständlich mit Sicherungen geschützt. Ein Brand im Van ist das Letzte, was ich erleben möchte. Die Batterien habe ich mit einem Spanngurt gesichert, damit sich nicht herumrutschen können. Nur die Batteriepole hatte ich noch nicht gegen Kurzschlüsse abgesichert, z.B. durch herunterfallende Werkzeuge. Im Internet hatte ich ein Video gesehen, in dem ein Typ mit formbaren Plastik selber Polkappen herstellt. Das fand ich super und musste ich auch probieren. Also Material gekauft (Markenname InstaMorph), Granulat in heißes Wasser (66ºC) gekippt, abgewartet, dann die Plastikmasse zu einem Oval geformt und um die Batteriepole und Kabel geformt. Abgekühlt wird das InstaMorph dann richtig fest und schützt die Pole vor Kurzschlüssen. Und ab bekommt man die selbstgeformten Kappen natürlich auch.

Nächste Woche schließen wir dann unser DC-Panel an und nehmen dann den Kühlschrank in Betrieb. Die Batterien werden dann erstmal mit Solarstrom geladen. Später zapfen wir dann noch die Lichtmaschine an, damit sie auch während der Fahrt geladen werden. Tja, und dann brauchen wir schon neue Meilensteine, weil wir dann unsere Ziele bis zum geplanten Sommerurlaub—Wand, Fahrerseite fertig mit Teppich verkleidet, Tisch, Kühlschrank und Solarstrom bereits erreicht haben. Wir sind stolz über unsere Fortschritte und auch froh, dass wir mit dem Ausbau ein Stadium erreicht haben, an dem man die Fortschritte sofort sieht. Nationalparks, wir kommen!

Möbel bauen

Heute haben wir unsere Kühlschrankbox mit einer kratzfesten, weißen Oberfläche verkleidet. Das war ein gutes Stück Arbeit heute. Ohne meine neue Oberfräse hätten wir keine Chance gehabt. Jetzt fehlt eigentlich nur noch die Wartungsklappe für die Truma-Heizung. Wenn alles gut geht, wird die fertige Box morgen in den Sprinter eingebaut. Drückt uns die Daumen!

Kein Lockerung in Sicht

7 Wochen Quarantäne und keine Lockerung in Sicht. Dennoch, es geht uns gut. Unsere Jobs sind derzeit sicher (und spannend), es fehlt uns an nichts und die Heimarbeit lässt sich immer noch gut ertragen—auch Dank unseres neuen Boules-Sets, das wir jetzt in den Mittagspausen zum Einsatz bringen. Nach anfänglicher Dominanz meinerseits hat C jetzt das Blatt gewendet und zock mich regelmäßig ab.

Dennoch haben wir einiges hinter uns, in den letzten Wochen. Die USA haben mittlerweile über eine Millionen bestätigte Covid-19 Fälle—mehr als jedes andere Land der Welt. Über 60.000 Tote gibt es mittlerweile zu beklagen. Der Gipfel war natürlich der Vorschlag Präsident Trumps, das Virus im Körper mit Desinfektionsmittel oder UV Licht zu bekämpfen. Tolle Idee, welcher aufgeklärte Mensch nimmt so eine Aussage denn für voll?  Denkste, die Telefonleitungen der bundesstaatlichen Gesundheitsämter liefen dennoch heiß. Was denn dran sei am Vorschlag, es mal mit Bleichmittel trinken zu probieren, wollten die Anrufer wissen? Da hat man keine Fragen mehr. Seitdem warnen die Chemiefirmen eindringlich. Wir haben unser Bleichmittel stattdessen verwendet, um unsere neue 200l Wassertonne zu desinfizieren, bevor wir sie mit Trinkwasser befüllt haben—als Erdbebenrücklage.

Hier in Kalifornien ist die Lage zum Glück weitgehend ruhig. Es heißt sogar, es gäbe jetzt mittlerweile genügend Tests. Überall werden jetzt Masken getragen, auf der Straße und in den Geschäften. Man nimmt das Virus ernst, und wir sind da keine Ausnahme. Diese Woche wurde die Shelter-in-Place-Order bis Ende Mai verlängert. Die Schulen machen vor den Sommerferien erst gar nicht mehr auf. Das ist natürlich hart für berufstätige Eltern, die jetzt ihre Kinder auch noch zu Hause unterrichten müssen, aber es ist eben auch konsequent.

Wir machen einfach das beste daraus und akzeptieren, dass wir im Großen und Ganzen nichts an der aktuellen Situation ändern können. Auch wenn uns manchmal zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, wir kommen immerhin sehr gut mit unserem Sprinter-Ausbau voran. Da die Tool-Library immer noch geschlossen hat, musste ich mir kurzerhand neue Werkzeuge kaufen. Ich nenne jetzt eine Kappsäge, eine Handkreissäge und eine Oberfräse mein Eigen. Damit gehen die Arbeiten jetzt aber auch unter der Woche weiter. Das erste Möbelstück, der Schrank für die Truma-Heizung und den Kühlschrank, ist beinahe fertig. Außerdem haben wir diese Woche fast die gesamte Fahrerseite mit Teppich verkleidet. Der Teppich macht unseren Camper richtig gemütlich—so gemütlich, dass wir am Mittwoch einfach ans Wasser gefahren sind und kurzerhand von dort gearbeitet haben. Wenn wir jetzt noch Solarstrom und Lithium-Batterien hätten… darum kümmere ich mich als nächstes.

Wie schön wäre es, wenn wir mit unserem Sprinter einfach in die Berge fahren könnten, etwas der phantastischen kalifornischen Weite genießen könnten. Und so hoffen wir auf den Juni—darauf, dass es auch in Kalifornien langsam erste Lockerungen geben wird. Wenn es soweit ist, werden wir bereit sein.

Corona-Mast

Wir sind jetzt seit fast vier Wochen wieder zu Hause in Kalifornien. Unsere zweiwöchige Selbstquarantäne haben wir mittlerweile ohne Symptome und Probleme hinter uns gebracht. Offenbar haben wir uns auf der Rückreise nicht mit dem Coronavirus infiziert. Im Alltag macht das allerdings keinen Unterschied, denn in Kalifornien praktizieren wir weiterhin „schelter in place“. Und wie geht es uns damit?

Noch fällt uns die Decke nicht auf den Kopf. Die Heimarbeit klappt dank moderner Kommunikationstechnologien besser als erwartet. Wir schaffen es auch ganz gut, abends einfach aufzuhören. Ich habe unseren alten Schreibtisch im Wohnzimmer aufgebaut und meinen Monitor und Bürostuhl von Square abgeholt. Zusammen mit der 1Gb Glasfaserleitung bin ich fast so produktiv wie im Büro. C genießt es, mich den ganzen Tag bei sich zu haben. Etwaige Beziehungskiller haben wir bisher routiniert umschifft. Vor zwei Wochen haben wir uns gegenseitig die Haare geschnitten. C hat es natürlich super gemacht, aber ich hatte Bammel—für mich war es das erste Mal Haare schneiden überhaupt. C redet aber immer noch mit mir. Es ist mir also offensichtlich ganz gut gelungen

Ansonsten leben wir mehr oder weniger wie Gott in Frankreich. Wir gehen einmal die Woche einkaufen, stets mit Mundschutz und Handschuhen. Beides liegt mittlerweile voll im Trend. Leider haben die Schlangen, insbesondere vor Berkeley Bowl, dramatisch zugenommen. Da sind jetzt mehrere hundert Meter locker drin. Dafür werden die Einkaufswagen am Eingang vor jedem neuen Kunden desinfiziert. Sind wir erstmal drin (und nicht einfach stattdessen zu Trader Joe’s gefahren) leisten wir uns, worauf wir Lust haben. Dann wird die ganze Woche lecker zu Hause gekocht und dann mit Bier oder Wein geschlemmt. Wir nennen das Ganze jetzt einfach Corona-Mast: viel leckeres Essen und wenig Bewegung. Komischerweise habe ich seit Weihnachten dennoch 2kg abgenommen. Vielleicht ist es der Stress?

Kontakt halten wir mit unseren Freunden vor allem über Zoom, FaceTime, etc. Das funktioniert ganz gut. Jetzt finde ich es komisch, dass ich seit Jahren Bildtelefonie im Büro nutze, aber noch nie darauf gekommen bin, Gruppenmeetings mit Freunden zu machen. Interessant ist auch, dass wir jetzt mehr Kontakt mit unseren deutschen Freunden haben. Statt in der Kneipe treffen die sich jetzt auch über Zoom und Co, und da kann man uns natürlich einfach mit einladen.

Am besten ist allerdings, dass die Arbeiten am Sprinter wieder vorangehen. Derzeit schaffen wir sogar Manches unter der Woche, da die Heimfahrt aus dem Büro entfällt. Letztes Wochenende haben wir die Schiebetür fertig gemacht, d.h. isoliert und dann mit Holzpanels und Teppich verkleidet. Das waren unsere ersten Gehversuche mit dem Stretch-Teppich aus England, den wir eigens letztes Jahr importiert hatten. Dieses Wochenende war dann unser vorläufiges Meisterstück an der Reihe. Wir haben die Fahrerseite des Wohnzimmers fertiggemacht. Wir haben eine ca. 4qm große Fläche rund um das große Seitenfenster einem einzigen Stück Teppich verkleidet. Wir haben die Gummidichtung des Fensters abgenommen, und dann wieder über den Teppich gesetzt, damit man keinen Übergang sieht. Ebenso an der Deckenverkleidung und der Plastikverkleidung an der Tür. Es ist einfach super geworden. Ich bin nicht nur zufrieden, sondern auch etwas stolz. Zum Schluss habe ich noch eine USB/12V Buchse montiert, an der man irgendwann seine Geräte laden kann. Außerdem haben den Rohling für unseren Tisch gebaut und werden diese Woche die Schiene montieren. Dann ist unsere Sitzecke schon fast fertig. Toll, wenn man den eigenen Fortschritt nach getaner Arbeit so gut sieht!

Es geht uns also gut. Wir haben Sozialkontakte, wir essen gut und der Sprinter nimmt Formen an. Am wichtigsten ist aber, dass wir uns weiterhin gut verstehen und uns nicht gegenseitig auf den Sack gehen. Wir halten also noch eine Weile durch!

Lokal einkaufen

Wir sind jetzt seit vier Tagen wieder in Kalifornien und haben uns mit der Ausgangssperre gut arrangiert. Der Kühlschrank ist voll, wir müssen weder verhungern, noch rationieren. Stattdessen versuchen wir uns etwas vom Dauerthema COVID-19 abzulenken. Während ich diese Zeilen schreibe, macht C eine Happy-Hour-Videokonferenz mit ihren ehemaligen Kollegen von Siemens. Man trifft sich auf ein Bier—virtuell eben. Zoom macht es möglich, Kneipenhintergrundbild inklusive.

Ansonsten haben wir angefangen, uns damit auseinander zu setzen, wie wir unseren Lieblingsläden helfen können. Bars, Restaurants, fast alle Läden sind zu—das bedeutet Existenzängste bei Kleinunternehmern. Not macht aber auch im Jahre 2020 immer noch erfinderisch. Unsere Lieblingsbrauerei verkauft jetzt Bier per Vorbestellung im Internet. Man bestellt und fährt dann zur Brauerei, wo man die Bestellung (in 1l Dosen) in Empfang nimmt. Das ist erlaubt. Natürlich können so die Umsatzeinbußen, die durch den Verlust des Ausschankgeschäfts entstehen, nicht ersetzt werden. Aber schließen muss die Brauerei eben auch nicht. Das macht Hoffnung. Und Hoffnung treibt die Menschen dazu an, weiter zu machen.

Ähnlich sieht es bei unserem Weinhändler in Oakland aus. Dort nimmt man es mit dem Verkaufsverbot nicht so genau—der Laden war geöffnet. Im Grunde genommen gilt aber dasselbe Prinzip: Wein per Weinabo oder Telefon bestellen, im Internet bezahlen und dann vor Ort abholen. Interaktionen mit dem Verkäufer entfallen damit fast vollständig, womit auch der Anordnung, Kontakte zu meiden genüge getan wäre. Auch hier dürfte gelten: Die Laufkundschaft wird nicht zu ersetzen sein, aber das Geschäft geht weiter. Ich möchte nicht, dass diese kleinen Läden pleite gehen, und Andere sehen das offenbar genauso. Ob es reicht, was wir tun, werden wir sehen. Wir unterstützen auf jeden Fall weiterhin unsere lokalen Unternehmen. Nächste Woche bekommen wir wieder unsere Gemüsebox, direkt vom Bauern.

Nebenan wird gelacht, während ich mein Bier von Novel Brewing austrinke. Caro und ihre ehemaligen Kollegen verstehen sich auch per Videokonferenz bestens. Auch in Selbstisolation muss man nicht auf Sozialkontakte verzichten. Man muss nur kreativ werden—so wie C.

Welt aus den Fugen – Die Corona-Tagebücher

Liebe Leser, in den letzten vier Wochen ist so viel passiert, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Wir alle leben in ungewissen Zeiten.

Da wäre natürlich zuerst die COVID-19 Pandemie. Rückblickend ist es schwer vorstellbar, dass wir vor 4 Wochen dachten, der Virus würde sich auf China beschränken. Vor drei Wochen, am letzten Februarwochenende, waren C und ich mit ihren Arbeitskollegen von Blue Bear noch in Jackson Hole Skifahren. An Gesichtsmasken, Abstand halten, oder ständig Hände waschen war da noch keine Rede. Jetzt haben wir nicht nur eine weltweite Pandemie, sondern auch eine Wirtschaftskrise zu bewältigen. Bei Square wird seit 3 Wochen von zu Hause gearbeitet. Erst war es eine starke Empfehlung, seit zwei Wochen ist sie verpflichtend. Rückblickend bin ich stolz, dass meine Firma, so wie viele andere im Silicon Valley, schnell reagiert hat—vor allem, da die amerikanische Regierung jegliche Führung in der Krise vermissen lässt.

Kaum waren wir aus Jackson Hole zurück, ist dann Cs Vater verstorben. Auch wenn es ihm schon lange nicht gut ging, ist der Tod des eigenes Vaters (und Schwiegervaters) natürlich ein schwerer Verlust. Am Donnerstagmorgen haben wir die traurige Nachricht erhalten, abends saßen wir schon im Flugzeug nach Deutschland. Für viele Freunde in Deutschland schwer vorstellbar: Ich habe ohne Probleme frei bekommen. “Nimm Dir die Zeit, die Du brauchst und sei für Deine Frau da”, meinte mein Chef. In meiner Email an mein Team schrieb ich unter anderem: “Ich hoffe, sie lassen mich wieder rein, in die USA”. Damals konnte ich nur ahnen, wie sich die COVID-19 Situation entwickeln würde.

Insgesamt waren wir 12 Tage in Berlin. Zum Trauern blieb wenig Zeit. Während wir von Erledigung zu Erledigung hetzten, eine Trauerfeier organisierten und sie wieder absagten und uns um Cs Mutter kümmerten, spitzte sich die Lage in Europa zu. Die Neuinfektionen schossen exponentiell in die Höhe. Plötzlich war von “flattening the curve” die Rede. Dann kam der Travel Ban für Europäer—keine Einreise mehr in die USA. Zum Glück gab es eine Ausnahme für Staatsbürger und Permanent-Residents, also Green-Card-Inhaber wie uns. Während sich Gott und die Welt in die Flugzeuge stürzte, um nach Hause in die USA zu kommen, warteten wir ab. Wir waren einfach noch nicht fertig in Berlin. Dennoch spitzte sich die Lage weiter zu. Das Pflegeheim, in dem Cs Mutter wohnt wurde abgeriegelt, die Ämter schlossen nach und nach. An eine öffentliche Trauerfeier war plötzlich nicht mehr zu denken. Wir mussten uns damit auseinandersetzen, wie wir nach Hause kommen. Denn mehrere Monate in Deutschland feststecken, ohne Krankenversicherung, wollten wir auch nicht—vor allem während bei Square mittlerweile aufgrund der Rezession alle Ampeln auf rot schalteten.

Wir behielten also einen kühlen Kopf, buchten unseren Flug um und flogen am Mittwoch, den 18. März wieder nach Kalifornien. In der Maschine waren nur gut 75 Passagiere—sie hatte Platz für 250. In San Francisco wurden wir dann in Gruppen zu 20 aus der Maschine gebeten, befragt und darauf aufmerksam gemacht, dass wir uns für 14 Tage zu Hause isolieren sollen. Es gab keine Schlangen und keine Panik. Die Selbstisolierung zu Hause (shelter in place) galt mittlerweile für Alle, denn Kalifornien hatte längst den Notstand ausgerufen und eine Ausgangssperre für die Bay Area verhängt. Wir dürfen unser Haus verlassen, um einzukaufen, den Arzt aufzusuchen oder spazieren zu gehen. Viel mehr geht nicht.

Und wie ist die Lage in den USA? In Deutschland herrscht offenkundig die Meinung, dass wir viel besser vorbereitet seien, als die Amis. Die Trump-Regierung und insbesondere der Präsident seien überfordert, heißt es. Da ist etwas dran. Es wird eindeutig zu wenig getestet in den USA. Trump spielte die Gefahr des Virus zuerst herunter und log dann, dass sich die Balken biegen. Aber die USA sind ein föderaler Staat und es gibt eine Eigenschaft der Amerikaner, die ihnen in dieser Zeit zu Gute kommt: ihr Hang zur Selbstständigkeit. Während Trump also noch versuchte, die Gefahr herunterzuspielen, handelten Gouverneure, Firmen und Einzelne.

Anders als in Berlin, wo COVID-19 im Alltag noch nicht angekommen war, halten die Menschen in Kalifornien sich an die Ausgangssperre. Man organisiert sich in der Nachbarschaft, geht füreinander einkaufen und trifft sich auf der Straße—natürlich mit 2m Sicherheitsabstand. Bei Berkeley Bowl werden jetzt nur noch 50 Personen gleichzeitig in den Supermarkt gelassen. Es gibt Desinfektionsmittel und Handschuhe am Eingang, nicht nur wir trugen Masken beim Einkaufen. Das Angebot im Supermarkt ist wie immer—nur der Reis ist weggehamstert. Ich habe das Gefühl, wir sind hier weiter als in Berlin. Wenn wir noch nicht infiziert sind, erscheint die Gefahr, COVID-19 zu bekommen jetzt niedriger als in Berlin.

Dennoch ist es unstrittig, dass das amerikanische Gesundheitssystem auf eine harte Probe gestellt werden wird. Dazu kommt, dass es die ersten Entlassungen gibt. Nicht nur der Umsatz von Square leidet darunter, dass Geschäfte und Restaurants schließen mussten. In einer Gesellschaft, wo der Arbeitgeber die Krankenversicherung zahlt, ist eine Pandemie dieses Ausmaßes zusammen mit einer Rezession der Super GAU. Zum Glück bringen Nancy Pelosi und das von Demokraten geführte Repräsentantenhaus jetzt Gesetzesentwürfe ein, die bezahlte Krankheitstage, kostenlose COVID-19 Tests und Unterstützung für Arbeitslose garantieren. Dennoch ist klar: es wird bitter. Vor allem die Trump-Wähler wird es schwer treffen. Viele sind immer noch der Meinung, es handele sich bei COVID-19 um ein Komplott, eine Erfindung, um Trump aus dem Amt zu jagen. Ich bin gespannt, wie diese Situation sich in den nächsten Monaten entwickeln wird. Dabei ist klar, Trumps Chancen auf eine Wiederwahl schwinden–je schlimmer die Rezession, desto mehr sinken sie.

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Von heute auf morgen befinden wir uns in einer Situation, die selbst unsere Eltern und Großeltern noch nicht erlebt haben. Es wird an uns liegen sie zu meisten.

7 – Neue Heizung

Kaum hat die neue Woche angefangen, stolpern wir schon ins nächste Projekt. Denn heute begannen die Arbeiten an unserer neuen Heizung. Wobei, nur von einer neuen Heizung zu sprechen, wird dem Ausmaß des Projekts nicht gerecht. Wie die meisten Amerikaner heizen wir mit Gas. Bereits letztes Jahr fing unsere Heizung an, Probleme zu machen. Sie überhitzte öfter und musste dann runterkühlen, was natürlich nervt, wenn es draußen kalt ist. Relativ schnell war uns dann klar, dass die Heizung auf dem letzten Loch pfeift und mittelfristig ausgetauscht werden würde.

Jetzt stehen wir also kurz davor, die Gasheizung durch eine effiziente Wärmepumpe austauschen zu lassen. Wir heizen in Zukunft also mit Strom, zum Großteil selber produziert durch unsere Solarpanels. Und wenn man gerade dabei ist, kann man ja auch noch ein paar andere energetische Maßnahmen durchführen lassen. Heute wurde die alte Glaswolle, die unseren Dachstuhl isoliert herausgerissen. Morgen wird der Dachstuhl versiegelt, so dass die warme Luft aus dem Wohnraum nicht mehr nach oben entweichen kann. So ist das in den Holzhäusern hier: Sie müssen kompliziert abgedichtet werden, sonst ziehen sie. Danach wird eine neue Isolierung aus recycelten Zeitungspapier in den Dachstuhl geblasen—voll Öko aber immerhin imprägniert, um den Brandschutz zu gewährleisten. Bis Ende der Woche werden dann die nackten Bolhen des Fußbodens ebenfalls abgedichtet und dann von unten isoliert. Dann ist das Haus schon in einem deutlich besseren Zustand und wir haben hoffentlich weniger kalte Füße im Winter.

Nächste Woche werden dann die alte Heizung entfernt und alle Lüftungsrohre unter dem Haus ersetzt. Und natürlich sind dann auch einige Arbeiten im Haus notwendig. Aber davon später mehr. Ich gehe davon aus, dass wir ca. eine Woche ohne Heizung auskommen müssen—nur gut, dass der Frühling schon da ist. Zwei Wochen soll dieses Projekt also dauern. Na, ich bin mal gespannt.

6 – Van Build

Der heutige Presidents Day Stand ganz im Zeichen unseres Sprinter-Ausbaus. Ehrlich gesagt war dieses Wochenende das erste Wochenende im Neuen Jahr, an dem wir mal wieder etwas an unserem Van geschafft haben. Und immer, wenn man lange nichts gemacht hat, dauert es etwas, bin man wieder drin ist, in der Materie.

Während C heute morgen etwas gearbeitet hat, bereitete ich die Montage der neuen Wandpanele vor. Dafür musste die Isolierung des Dachs fertig gemacht und dann mit den Wänden luftdicht verklebt werden. Zur Erinnerung, wir wollen eine Dampfsperre im Auto haben, damit unsere Atemluft nicht an den Metallwänden kondensiert, wenn wir bei Minusgraden campen. Die Schicht Reflectix-Folie war schnell ausgeschnitten. Da wir bereits in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht hatten, dass der Sprühkleber bei Hitze Mühe hat, die Folie an der Decke zu halten, musste ich noch kreativ werden. Ich fertigte schnell zwei Latten an, die wir nach dem Kleben an die Dachholme schrauben konnten, um die Folie zu halten. So würde der Kleber ohne Zugbelastung gut trocknen können. Die Gewinde für die Schrauben hatten wir schon vor Monaten als Halterungen für die Decke installiert. Sie werden irgendwann die richtige Decke halten.

Leider waren einige Gewinde lose, so dass sich die Schrauben nicht festziehen konnten. Die Gewinde drehten sich stattdessen mit. Wir hatten sie mit einem Spezialwerkzeug in bereits vorhanden Löcher gepresst, quasi wie Nieten. Dabei haben wir offenbar zwei Teile nicht richtig gequetscht und jetzt hatten wir den Salat. Das erste Gewinde konnte ich relativ problemlos mit dem Spezial-Tool befestigen. Das zweite allerdings machte richtig Probleme. Es steckte bereits eine Schraube darin, mit der wir eine Dachlatte befestigt hatten. Dabei hatte sich offenbar ein Teil der Folie mit ins Gewinde gefressen. Und jetzt ging nichts mehr. Ich versuchte alles und bekam die Schraube dann irgendwie los, indem ich das Gewinde mit einer Zange fest hielt. Nachdem das ganze Plastik entfernt war, ölte ich Schraube und Gewinde ein und versuchte sie vorsichtig wieder rein zudrehen—ab einem bestimmten Punkt war aber stets Ende. Ich vermutete, dass das Gewinde hinüber war und versuchte es hinauszubohren. Ich könnt Euch vielleicht schon denken, dass auch dieser Plan zum Scheitern verdammt war—das Gewinde drehte sich einfach mit dem Bohrer mit. Als mir wirklich nichts anderes mehr einfiel, versuchte ich noch einmal das Spezialwerkzeug. Es dauerte, aber ich bekam den Schraubaufsatz tatsächlich in das Gewinde. Ich quetschte und, siehe da, das Gewinde drehte sich nicht mehr so einfach. Also machte ich das Ganze einfach nochmal und dann hatte es verloren.

Nachdem die Vorbereitungen abgeschlossen waren, konnten C und ich dann relativ einfach die Reflectix-Folie ankleben und mit einer Holzlatte fixieren. Nachdem wir die Decken- und Wandfolien verklebt hatten, passten wir unser oberes Wandpanel ein—und sieh da, es saß perfekt. Schnell noch nein paar Löcher mit dem Senkbohrer gebohrt und wir konnten das Panel mit selbstschneidenen Blechschrauben befestigen. Jetzt fehlt nur noch ein Wandelement und die Wände sind zu. Das ist der nächste große Meilenstein.

Wir sind zufrieden mit unserer Arbeit. Und wir sind jetzt wieder drin in unserem Projekt. Aber am besten war, dass wir es geschafft haben, mit Spaß an der Freude zu arbeiten, ohne Druck, alles schaffen zu müssen. So kann es weiter gehen… nächstes Wochenende.

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