700

Liebe Leser, vielen Dank, dass Ihr mir und diesem Blog seit 7 Jahren die Treue haltet! Das ist er also, der 700. Blogeintrag. 700 Geschichten und Fotos in 7 Jahren. Obwohl ich im letzten Jahr nicht mehr so viel geschrieben habe, ist das immer noch eine gute Quote—finde ich.

Worüber schreibt man zu einem solchen Jubiläum? Die kleinen Unterschiede, über die ich in den ersten 2 Jahren zu erzählen wusste, sind uns mittlerweile vertraut geworden. Sie fallen uns nicht einmal mehr auf. Jetzt wundern wir uns in Deutschland über die kleinen 1l Milchpackungen, dass man nicht überall mit Kreditkarte zahlen kann, oder dass es jetzt überall IPA Craft-Bier gibt. Die Zeit steht eben nicht still, auch nicht für uns.

C meinte letztens zu mir, wir seien erwachsen geworden, hier in Kalifornien. Das stimmt in mehrerer Hinsicht. Wir sind weniger naiv und denken dennoch positiver. Wir  wissen, was wir können und was wir wollen (meistens zumindest). Wir haben beide beruflich deutlich mehr erreicht, als wir uns damals, als wir hier angekommen sind, vorzustellen vermochten. Wir sind finanziell weitgehend unabhängig. Insofern leben wir ziemlich eindeutig den amerikanischen Traum—obwohl es uns nie darum ging.

Nach sieben Jahren im Ausland stellt man sich unweigerlich die Frage, ob und wann zurück nach Deutschland zieht. Es hält uns vieles hier und zieht uns einiges zurück. Unsere Eltern werden alt, dadurch sieht man das Leben anders, ernster. Wir selber werden älter und spüren die ersten Anzeichen der viel diskutierten Midlife-Crisis. Ich weiß nicht was die Zukunft bringt, aber ich werde weiter über unsere Gedanken und unsere Abenteuer berichten. Wir haben nämlich noch einiges vor.

Shenzhen

Gestern Abend ist C in Shenzhen angekommen. Ich bin natürlich nicht dabei, möchte Euch aber auch ihre Erlebnisse nicht vorenthalten. Daher tue ich mein Bestes, um ihre Schilderungen standesgemäß wiederzugeben. Shenzen liegt nördlich von Hong Kong, ca. 1:40h per Zug entfernt. Vom Zug an sich war C nicht besonders angetan („nichts besonderes“), die Bahnhöfe glichen eher Flüghäfen—mit Sicherheitskontrolle und allem. In Shenzhen wurden C und ihr Kollege Kendall von Geschäftspartnern empfangen, per Auto ins Hotel gebracht und danach zum Abendessen ausgeführt. Dabei fielen C so einige Sachen auf.

Erstens erinnerte sie der Fahrstil des chinesischen Fahrers sehr an dessen ihres ehemaligen chinesischen Chefs bei Siemens in Berkeley—beide stellen ein Sicherheitsrisiko für andere Autofahrer da. Zweitens konnten die Chinesen es nicht fassen, dass Kendall, Sohn chinesischer Auswanderer nach Amerika, kein Wort chinesisch spricht. Er kennt nicht mal seinen chinesischen Vornamen—die meisten Chinesen haben sowohl chinesische, als auch westliche Vornamen, die sie sich im Englischunterricht aussuchen und gegebenenfalls öfter wechseln—und bringt auch nur ein paar Schriftzeichen zustande. Die Behörden in Hong Kong fragten ebenfalls danach, ließen ihn aber dennoch einreisen. Drittens zerschlug sich der Plan, ein traditionelles lokales Restaurant aufzusuchen, als sich herausstellte, dass Kendalls Eltern aus Hong Kong (also von nebenan) stammen. „Die von dort vertragen einfach kein scharfes Essen.“ Punkt. Also gab es leichtere, aber ebenfalls leckere Kost in der örtlichen Mall (ich muss es einfach unübersetzt lassen, damit klar ist, dass es sich um ein Einkaufszentrum nach amerikanischem Vorbild handelt). Ich habe bisher wenige Fotos von diesen Malls gesehen, aber schon in Hong Kong war C klar, dass sich hier ein Großteil des örtlichen Lebens abspielt. Selbst pikfeine Restaurants findet man dort. In Shenzhen wurde allerdings in einem großen Speisesaal gegessen. Schräg aber China ist eben China.

Das Highlight des Tages kann ich Euch aber auch nicht vorenthalten. In der Mall gab es offenbar auch ein Kinderbecken, durch Glas von den Einkaufshallen abgetrennt, in dem ein Kleinkind unter Aufsicht der Eltern badete. Das Kind trug einen Rettungsring, allerdings um den Hals. Und so saß es im Becken, der Kopf vom Rettungsgring über Wasser gehalten. Was in Deutschland zu Stürmen der Entrüstunsg oder zumindest Erheiterung führen würde, ist in China offenbar total normal.

Zum Abschluss noch eines: C fielen sofort die Überwachungskameras auf, die an jeder Straßenecke in Shenzhen montiert sind. Damit wird das Volk überwacht, per Gesichtserkennung können einzelne Bürger in minutenschnelle lokalisiert werden. Mittlerweile gibt es auch ein Punktesystem, mit dem brave Bürger für ordentliches Verhalten, z.B. nur bei grün die Straße überqueren, oder älteren Herrschaften dabei helfen, belohnt, oder für Fehlverhalten bestraft werden. Das System ist vollautomatisiert. Wer zu viele Strafen kassiert hat, darf dann nicht mehr Reisen oder bekommt anderweitig Nachteile. Wollen wir mal hoffen, dass C nicht mitspielen muss.

Eindrücke aus Hong Kong. Man beachte die „deutsche“ Speisekarte:

Alles neue macht der Mai

Herzlich willkommen zu meinem neuen Blog. Er ist dieses Wochenende von Tumblr zu meiner eigenen WordPress-Installation umgezogen. Seit dem Verkauf von Yahoo an Verizon wurde Tumblr einfach immer schlechter. Einige meiner Blogeinträge wurden als Pornografie eingestuft und dann gesperrt. Das Hochladen von neuen Fotos gelang nur noch selten. Es klemmte an allen Ecken und Enden. Da ich mich langsam aber sicher dem 700. Eintrag nähere, bin ich zu dem Entschluss gekommen, meine Erzählungen und Fotos nicht mehr einer Internetfirma anzuvertrauen, sondern selber eine eigene Blogseite zu betreiben. Und auf eben dieser lest Ihr jetzt gerade diese Geschichte.

Natürlich ist noch Sand im Getriebe. Ich habe es zwar geschafft, die alten Kommentare zu erhalten, es werden aber noch nicht alle angezeigt. Die Migration läuft noch. Nach und nach sollte alles wieder wie gewohnt funktionieren und aussehen. Apropos aussehen: Das Design habe ich etwas aufgefrischt. Ich hoffe es gefällt Euch!

Ich habe gerade Zeit für diese Sperenzien, da C auf Dienstreise in Hong Kong ist. Ihre Firma hat diese Woche die ersten Millionen eingesammelt, Series A. Jetzt gilt es das Produkt, Batterien für Mobilfunktürme, in Kleinserie bauen zu lassen. Das ist Cs Job und natürlich ist China erste Wahl. Für C ist es die erste Reise in die Fabrik der Welt—ich war auch noch nie dort. Heute Nacht (Hong Kong ist Kalifornien 15h und Berlin 6h voraus) ist sie nach 14h Flug in Hong Kong angekommen. Das Abenteuer beginnt also erst. Noch heute steigt sie in den Zug nach Shenzhen, um dann morgen die ersten Fabrikanten zu besuchen. Ich bin sehr gespannt, wie Ihre Eindrücke sind. Hong Kong beschrieb sie erstmals als „Mischung zwischen Bangkok und Vancouver“ und doch (noch) sehr britisch.

Natürlich haben uns Freunde und Bekannte vor der Reise einige Tipps gegeben. Die waren teils harmlos, so hat C einige Müsliriegel und Instant-Oatmeal eingepackt, falls Ihr der Reis zu den Ohren herauskommt. Andere Tippgeber bestanden allerdings darauf, auf keinen Fall private Rechner oder Handies mit nach China zu nehmen. Hanebüchende Geschichten von Einbrüchen in Hotelzimmer und Hacken der Geräte wurden C erzählt. Und tatsächlich, auch im Internet finden sich Geschichten über Laptops, die plötzlich ein paar Gramm schwerer waren, als vor der Reise nach China. Ich habe sogar bei Square nach Tipps gefragt. Allerdings nimmt es meine Firma nicht so genau—Leihgeräte sind nicht Pflicht, es gibt keine Beschränkungen für Geräte, die in China waren. Stattdessen wurde ich vor der Wiedereinreise in die USA gewarnt: „Unser Zoll macht mehr Stunk als die Chinesen“.

Letztendlich haben wir beschlossen, es nicht zu übertreiben. C hat Ihr Handy und ihr iPad mit Tastatur mitgenommen. Auf letzterem hat sie nur die Dateien dabei, die sie unbedingt benötigt. Es wird sich zeigen, wie gut dieses Experiment funktioniert. Nächsten Samstag kommt sie wieder. Bis dahin kann ich noch etwas an meinem Blog schrauben und mit dem Sprinter vorankommen. Dort ist auch ein Update fällig, aber das gibt es im nächsten Eintrag.

Stattdessen gibt es noch ein paar Fotos von unserem letzten Skitag mit den neuen Latten!

Flucht aus San Francisco

Heute habe ich in der New York Times gelesen, dass immer mehr Millenials, die in San Francisco reich geworden sind, Kalifornien verlassen und sich stattdessen in Bundesstaaten mit niedrigeren Steuern niederlassen. Das ist an sich nicht überraschend. Kalifornien hat mit 13% mit die höchsten State-Taxes—zuzüglich zu den Federal-Taxes, versteht sich. Da macht es schon einen Unterschied, wenn man vor dem Börsengang oder dem Verkauf größerer Aktienpakete nach Portland oder Texas zieht, wo es keine State-Taxes gibt.

Weitaus bemerkenswerter an dem Artikel war allerdings, dass diese jungen Tech-Millionäre auch desillusioniert sind von San Francisco. Die Stadt wird immer teurer—ein Ende ist nicht in Sicht. Dieses Jahr alleine gehen zig Firmen an die Börse, wohl um der drohenden Rezession zuvorzukommen. Das sorgt für zahllose neue Millionäre, die dann nicht wissen wohin mit ihrem Geld. Also werden Phantasiepreise für Häuser und Wohnungen bezahlt. Dementsprechend ist das einstige Mekka der Hippies mittlerweile ziemlich gleich geschaltet. Jeder arbeitet irgendwie in der Technologiebranche oder in der Peripherie der großen Internetfirmen. Anders kann man die Wahnsinnsmieten nicht mehr bezahlen. Frauen im heiratsfähigen Alter haben die Wahl zwischen Computerfreaks von Square, Twitter, Uber, Lyft… Ihr seht worauf ich hinaus will. Es fehlt an echter Vielfalt. Außerdem klagen die Abwanderer über den Stress und das Tempo im Silicon Valley. Um es mit seinem Startup zu schaffen, muss man eben richtig Gas geben—und das schlaucht. Dazu kommt dann noch der ständige Antrieb nach Feedback zu fragen und sich weiterzuentwickeln. Stillstand ist eben Rückschritt.

Auch wenn dieser Text etwas sarkastisch und polemisch klingt, es ist nicht nur etwas dran—es stimmt alles. Ich kann sie verstehen, die Menschen, die der Szene hier den Rücken kehren. Selbst seit wir hier sind, hat sich San Francisco stark verändert. Und doch kann ich es dieser Stadt, dieser Gegend nicht übel nehmen. Nicht nur weil wir Teil dieses Problems sind, Square ist immerhin auch vor gut 3 Jahren an die Börse gegangen, sondern weil wir San Francisco vieles verdanken—und hier ein tolles Leben führen. Es ist natürlich nicht mehr das große Abenteuer, aber wir unternehmen immer noch viel, entdecken immer mal wieder etwas Neues und freuen uns jeden morgen über den blauen Himmel. Und doch denken wir auch oft an Berlin, an die Großstadt, an das Leben, das wir zurück gelassen haben, und wie es wäre, dort von vorne anzufangen.

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