6 Jahre

Heute ist der 9. Juni. Gestern vor 6 Jahren sind wir in Kalifornien angekommen. Grund genug, bei einem Glas Rosé und einer Portion Sriracha-Bacon Spaghetti Carbonara mit grünem Spargel zu reflektieren. Ja, es hat sich viel verändert, auch kulinarisch sind wir experimentierfreudiger geworden. Irgendwie typisch USA.

Warum heute? Ganz einfach, ich habe unser Jubiläum gestern einfach vergessen. C ist in Berlin und hat sowieso andere Dinge um die Ohren. So ist das, wenn der Alltag Überhand nimmt. Dabei kommt es mir vor wie gestern, dass wir mit Lufthansa 458 aus München in unser neues Leben gestartet sind. 6 Jahre, was für eine Zeit! Wahnsinn, was wir alles erlebt haben, erkundet haben, erreicht haben. Dabei steht letzteres gar nicht im Fokus. Wir sind nach Kalifornien aufgebrochen, um ein Abenteuer zu erleben. Und wir haben nichts anderes bekommen. Ja, vielleicht bin ich heute etwas sentimental, aber ich bin dankbar dafür, was das Leben in den USA uns an Erfahrungen geschenkt hat. Vor vier Wochen war ich mit meinen Eltern in New York – das war irgendwie vor 6 Jahren noch undenkbar. Wir fahren ein elektrisches Auto – undenkbar. Ich leite die Entwicklung im Kernbereich einer börsennotierten Firma – undenkbar. Wir haben das Wandern und Backpacken für uns entdeckt und verbringen so viel Zeit in der Natur, wie möglich – undenkbar. Die Sonne scheint beinahe jeden Tag – undenkbar. Natürlich hat nicht alles geklappt. Ein großer Surfer ist aus mir nicht geworden. Aber der Mut, Deutschland zu verlassen, hat letztendlich unser Leben bereichert.

Von den Anfängen in San Bruno, bis zum Umzug nach Oakland und schließlich Berkeley, Ihr, liebe Freunde und Familie, wart auch irgendwie immer dabei. Viele von Euch haben uns besucht. Andere haben sich immerhin die Zeit genommen, in Kontakt zu bleiben wenn wir denn zu Besuch in Berlin waren. Irgendwie ist es auch schön, dass sich nicht alles verändert hat.

Was kommst als nächstes? Keine Ahnung! Seit sich Neuseeland zerschlagen hat, gibt es keinen neuen Plan. Wir haben jetzt seit bald 4 Jahren unsere Green-Card und damit noch etwas Zeit, uns zu überlegen, was die Zukunft bringt. Fest steht: Unsere Eltern werden auch nicht jünger – und wir natürlich auch nicht. Am wichtigsten ist allerdings, dass wir auch nach 6 Jahren noch Träume haben. Eine Auszeit von mehreren Monaten wäre doch etwas, z.B. mit dem Camper nach Alaska. Jeden Tag woanders, immer unterwegs. Mehr Freiheit geht doch gar nicht. Man muss sein Leben leben!

Update

Liebe Leser, ich entschuldige mich für die Funkstille mit einem Update. In den letzten Wochen war einiges los bei uns. Nachdem Stefan, Marisa und die Kinder abgereist waren, sind C und ich nach New York City geflogen, um mich dort mit meinen Eltern zu treffen. Für mich ist New York immer etwas Besonderes, egal, wie oft ich schon dort war. Leider spielten uns zuerst VRBO, Airbnb und dann das Wetter uns einen Streich. Ich hatte zwei Monate im voraus eine nette Wohnung in Chelsea gebucht – eine Woche vor der Reise erfolgte dann die Stornierung aus heiterem Himmel. Toll, versucht mal so kurzfristig eine vernünftige und günstige Unterkunft in Manhattan zu finden – ein Ding der Unmöglichkeit. Letztendlich verbrachten wir die ersten 3 Nächte in einer kleinen Wohnung in East Village und zogen dann ins Hotel. Ok, nicht optimal, aber manchmal muss man einfach das Beste aus seinen Möglichkeiten machen.

Leider regnete es fast jeden Tag, aber in NYC gibt es ja genug zu tun und zu sehen. Am einzigen sonnigen Tag erklommen wir das neue One World Trade Center, das noch einmal eine Ecke höher ist als das Empire State Building. Schick gemacht, aber irgendwie macht mich der Charme der alten Wolkenkratzer, vor allem der des Chrysler Building, mehr an. Natürlich durften auch die High Line und die Brooklyn Bridge nicht fehlen. Ein Highlight für C und mich war, abends bei der Aufzeichnung der Daily Show mit Trevor Noah dabei zu sein. Wir schauen die Sendung regelmäßig und hatten auch live unseren Spaß – obwohl Trevor etwas unnahbar herüber kam. Vielleicht macht ihm sein Jahresgehalt von geschätzten $25 Million zu schaffen? New York ist einfach toll. Man kann jeden Tag etwas Neues unternehmen und hat abends freie Auswahl an kulinarischen Spezialitäten. Wir haben uns quer durch die Landkarte probiert, von indisch über chinesisch, mexikanisch und italienisch.

Nach der Abreise meiner Eltern ging es für uns weiter nach Detroit, besser gesagt nach Howell, Michigan. Dort waren wir zur Hochzeit meines Kollegen Ryan eingeladen. Howell ist eine kleine Stadt im Nirgendwo. Allerdings ist sie schön herausgeputzt, frei nach dem Motto: Unser Dorf soll schöner werden. Auf dem Weg nach Howell haben wir in Ann Arbor, einer bekannten Studentenstadt, angehalten und ich einem hervorragenden jüdischem Deli zwei Sandwiches verspeist. Howell ist nicht weit von Detroit entfernt, aber unser Hertz Mietwagen, ein fast neuer Nissan, klang, als würde er jeden Moment auseinander fallen. Er hielt aber bis zum Ende der Reise.

Die Hochzeit war ganz lustig aber nichts besonders. Wir feierten in einem alten Herrenhaus, schön am See gelegen. Dort gab es “Open Bar”, was aber auch bedeutete, dass man nicht am Tisch bedient wurde und sich seinen Wein immer wieder an der Bar abholen musste – irgendwie seltsam. Um Mitternacht war Schluss und die Feier wurde kurzerhand in die Hotellobby verlegt – ja, das war so geplant. Na gut, gemütlich ist anders und die Mitternachtspizza ließ auch auf sich warten. Dennoch ist es immer wieder spannend, diese kulturellen Unterschiede mitzuerleben. Außer uns fand es keiner komisch, den Wein teils aus Plastikbechern zu trinken.

Am nächsten Morgen gingen wir den Kater bei Cracker Barrel wegfrühstücken, mit viel Ei, Pfannkuchen und Speck. Danach fuhren C und ich zurück nach Detroit, wo wir uns die Innenstadt anschauten. Und wir waren überrascht: Detroit entpuppte sich als ganz nett und sehr sauber. Allerdings fielen uns auch sofort zahlreiche leerstehende Häuser auf. Dieser Eindruck verstärkte sich außerhalb der Stadtzentrums noch mehr. Detroit ist am Verfallen. Es ist klar, die Stadt hat seine besten Zeiten hinter sich. In den 1950ern lebten 1,8M Menschen in Detroit. Damals boomte die Autoindustrie. Heute sind es unter 700.000. Die Wirtschaftskrise von 2008 und die enorme Kriminalität haben ihren Teil dazu beigetragen. Detroit ist immer noch die gefährlichste Stadt der USA. Die Menschen ziehen ins Umland, weil sie es nicht mehr aushalten.

Wir haben von alledem zum Glück nichts mitbekommen. Aber das ein oder andere mulmige Gefühl hatten wir schon, als wir an den leerstehenden Fabrikgebäuden und zerfallenen Häusern vorbeigefahren sind, z.B. in der Nähe der ersten Ford Fabrik, wo das Model T hergestellt wurde. Und dennoch, viel fehlt nicht und Detroit ist wieder im Kommen.

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