Die Frau an der Kreuzung

Nach vier Jahren in Kalifornien ist es nicht mehr so leicht, die Besonderheiten des amerikanischen Alltags zu skizzieren. Längst ist der Alltag nämlich auch bei uns eingekehrt. Es gibt sie aber noch, diese Momente, die typisch Erzählungen wert sind.

Jeden morgen, auf dem Weg zur Arbeit, komme ich mit dem Fahrrad an der Kreuzung MLK (Martin Luther King) und Ashby Ave vorbei. Es ist viel Trubel an dieser Kreuzung. Autos, Radfahrer und Fußgänger warten abwechselnd auf grün. Ich reihe mich in die linke Spur ein, um dann abzubiegen und über den Bürgersteig auf den BART (Bay Area Rapid Transport – wobei Rapid nun wirklich völlig übertrieben ist) Parkplatz zu gelangen. Und an jener Ecke sitzt jeden Morgen eine ältere, farbige Dame, die längst zu einem Teil meines Arbeitswegs geworden ist. Sie ist offensichtlich Rentnerin und sitzt, wenn sie nicht gerade Schüler über die Kreuzung begleitet und mit einem großen, roten Stoppschild abschirmt, auf ihrer Gehhilfe und beobachtet die Leute. Aber sie beobachtet nicht nur, sie wünscht Passanten wir mir jeden Morgen “have a wonderful day, my dear”. Fehlt nur noch das “honey” und es wäre filmreif.

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